Venedig und das Kreuz mit den Kreuzfahrtschiffen

von Daniele Delle Donne

Das Verhältnis zwischen geltendem Recht und Wirklichkeit ist in Bella Italia bekanntermaßen heikel und diffizil. Beispiel Kreuzfahrtschiffe am Markusplatz.  Eigentlich gibt es  schon seit 2012 das höchstministerielle  Verbot für Schiffe über 40.000 Bruttoregistertonnen,  am Markusplatz vorbeizufahren, um durch den Giudecca-Kanal zur jetzigen  Anlegestelle am Canale dei Petroli  zu gelangen.  Schließlich würde die Wellenbewegung der “Monsterschiffe” den Fundamenten der Palazzi unverhältnismäßig  arg zusetzen und deren Substanz gefährden. Doch vierhalb Jahre danach schippern  die riesigen  Kreuzfahrtschiffe weiterhin  unbehelligt bis zur Einfahrt des Canal Grande, als sei der ministerielle Erlass nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde.   Der Grund? Damit das Verbot greifen kann, muss  den Kreuzfahrtschiffen eine Ausweichroute angeboten werden. Daher schlägt Bürgermeister Luigi Brugnaro nun vor,  umgehend von der Malamocco-Einfahrt in die Lagune  eine neue Fahrrinne an der Isola delle Tresse vorbei auszuheben. Doch darüber tobt mit Regional- und Staatsregierung  ein wortreicher Streit.  So befürwortet  Regionalpräsident Luca Zaia  die Lösung, die Kreuzfahrtschiffe   nach   Marghera  zu verbannen.  Diesen Vorschlag teilt offenbar auch Transportminister Graziano Delrio. 

Aber Regionalpräsident Zaia  scheint nun,  plötzlich einen Rückzieher zu machen, weil  er  jüngst   süffisant bemerkte: “Wenn man in der Lagune gräbt, kann man sich sehr weh tun!” Er spielte dabei auf die Giftstoffe auf dem Grund der Lagune an, die durch solch umfangreiche Arbeiten kostenaufwendig  entsorgt werden müssten. Die Suche nach einer  Lösung geht also weiter, während die Kreuzfahrtschiffe weiterhin munter in die Lagune schippern. Auch  Kreuzfahrtschiffe mit  über 96.000 Bruttoregistertonnen. 

Etwas tut sich zumindest  dennoch. Die Hafenbehörde hat angefangen, den Dieselkraftstoff der Kreuzfahrtschiffe zu überprüfen, mit dem  nicht nur  die Generatoren zur Stromerzeugung angefeuert, sondern auch die Luft in Venedig verschmutzt wird.  Weil der Schwefelgehalt des Diesels unzulässig hoch war, brummte  letztes Jahr   die Capitaneria di Porto der Reederei Costa Crociere eine Geldstrafe in Höhe von 30.000€ auf.  Ein Tropfen auf den heißen Stein der heftigen  Bürgerproteste. 


Marghera: Venedigs Müll-Hölle vor den Toren

von Daniele Delle Donne


Anfang des 20. Jahrhunderts   war die    Deltalandschaft  am  Festland   so unberührt und einzigartig, dass sie  kühne Industrieträume zu ungeahntem  Leben   erweckte. Die sich im Fortschrittswahn befindenden Unternehmer  Venedigs hatten auch  die  „geniale Idee“, in dem Feuchtgebiet  eine immense Hafenanlage aus dem Boden zu stampfen, die in ihrer Hochzeit mehreren zehntausend  Menschen Arbeit gab.  Marghera war geboren, und heißt übersetzt „dort, wo das Meer war“.  Volpi und Cini hießen einige der Industriekapitäne, die sich später  auch als hervorragende Kunstmäzene für Film und Kunst hervortaten.   Daneben  entstand nach dem 2. Weltkrieg  eine gigantische petrochemische Anlage, die dem Boden soviel Grundwasser entnahm, dass  die Gebäude in  Venedig  ins Bodenlose abzusacken begannen.  Aber damit nicht genug.  Um der Lagune weiteren Boden für neue Industrieansiedlungen  abzutrotzen, wurden die anfallenden  Giftabfälle gewissermaßen als  Baugrund  für neue Chemiekomplexe benutzt.  Diese entsorgten ihre Giftabfälle ihrerseits  häufig in der Lagune, gleich nebenan.  Die Zeitbombe war damit scharf. Die  Millionen von Kubikmetern Giftmüll werden nun seit Jahrzehnten durch das Gezeitenspiel erodiert und in der Lagune verteilt, die auch für die Fischzucht genutzt wird.   Marghera wurde zum Synonym für Tod und Umweltzerstörung.  

Um die tickende Zeitbombe zu entschärfen, haben  die Regierung in Rom, die Region Veneto und die Stadt Venedig  nun ein erstes Giftmüllentsorgungsprogramm verabschiedet. Schon vor mehr als einem Jahr eigentlich. Ausgabenvolumen vorerst:   153 Millionen Euro.  103 Millionen Euro sollte der Staat zuschießen, die restlichen 50 Millionen Euro würden die Region und die Stadt aufbringen.   Doch nach einem Jahr tut sich noch immer nichts oder so gut wie nichts.  Die jetzt in Marghera arbeitenden rund 11.000 Menschen hofften zwar, dass die Nachhaltigkeit der Aktion ihre Arbeitsplätze retten würde.  Doch die Maßnahme droht, wie die vielen der Vergangenheit sich in Schall und Rauch aufzulösen.  Denn es ist nicht viel passiert.  Es hieß,  die  Arbeiten seien  durch den Skandal um die   mobilen Schleusen  „Mose“ verzögert worden; andererseits habe es auf kommunaler Ebene Neuwahlen gegeben, die ebenfalls zu Verzögerungen geführt hätten.  

  

Nun heißt es, die ersten Arbeiten würden definitiv im kommenden April beginnen.  Die Leitung der Arbeiten obliegt dem staatlichen Energieunternehmen ENI.  Im deren Mittelpunkt stehen nicht nur die sachgerechte  Entsorgung des  Giftmülls, sondern auch die Ansiedlung neuer, umweltfreundlicher Unternehmen.  Die Sanierung Margheras sei vordringlich und unaufschiebbar, ist nun der Tenor.  Man darf gespannt sein, wie wörtlich man es in Venedig mit der Zeit nimmt.



Der “Fluch" über Venedigs neue Ponte della Costitutzione

von Vincenzo Delle Donne

Man wollte endlich eine Fußgängerbrücke über dem Canal Grande, die bequem Piazzale Roma mit dem  Bahnhof verbinden sollte. Da eben, wo sich die  Touristenmassen zu Zigtausenden am Tag über  Venedig ergießen.  Lange wurde in der Lagunenstadt  also über die Notwendigkeit einer neuen Brücke  diskutiert und debattiert, bis dann der spanische  Stararchitekt Santiago Calatrava den Zuschlag erhielt. Ein Brückenspezialist eben.  6 Jahre dauerte sodann der Bau, bei Gesamtkosten von rund 13 Millionen Euro.  Kaum war die Ponte della Costituzione, wie sie mittlerweile hieß,   dann 2008 endlich  fertiggestellt, gab es dann schon den ersten Eklat: Man hatte bei der Projektierung schlichtweg die Behinderten und  Gebrechlichen   vergessen, die ebenfalls  über die postmoderne Brücke kommen wollten.  Ja, sagten die Verteidiger des Stararchitekten, die  Rialto-Brücke  sei auch nicht behindertengerecht. Stimmt, aber die steht unter Denkmalschutz und wurde schließlich im Mittelalter gebaut. Die Entrüstung der Behindertenorganisation war gleichwohl  groß.  Also musste ein stilgerechter  Behindertenaufzug her, so schreibt es nämlich für jeden öffentlichen Neubau  das Baurecht auch in Venedig  vor.  Die erforderliche Nachbesserung, der Aufzug, der einem Raumfahrzeug ähnelt,  kostete rund 1,8 Millionen Euro. Schließlich ist Bauen in Venedig teuer.  

Aber die Kritik  an der  Ponte della Costituzione verebbte nicht. Denn alsbald  hieß es, das viele Glas an den  Stufenabsätzen sei bei Regen und Raureif lebensgefährlich, weil man schnell ausrutschen  und sich den Hals brechen  könne, auch ohne Gehbehinderung.  Und außerdem seien die jeweiligen  Stufen so  niedrig, dass sie beim Besteigen einen Balanceakt erforderten.  Jetzt im  strengen Winter, wo auch in Venedig Minusgrade erreicht werden können, sickerte die letzte Unzulänglichkeit durch.  Auf der Brücke,  besonders auf den Glasstufen bilde sich  nämlich heimtückisches Eis, was nicht mindergefährlich ist als Regen und Raureif.  Während man aber auf den anderen 400  Brücken Venedigs  dem Eis mit Streusalz zu Leibe rücke, ist das auf der Ponte della Costituzione nur bedingt möglich. Denn es heißt, man könne  das Salz nur auf die  Steinstufen aus istrischem Stein in der Mitte der Brücke streuen. Auf den stylischen Glasstufen an den Seiten links und rechts  hingegen sei das aber nicht möglich, weil das aggressive Salz das kostbare  Glas angreife.  Wenn es  morgens, abends und nachts gefriert, müssten also  Venezianer und Touristen  auf der Ponte della Costituzione   penibel darauf achten, nur Steinstufen unter den Füßen zu haben, weil man ansonsten schnell das Gleichgewicht verlieren könne. Baldige Abhilfe scheint für dieses Problem aber nicht in Sicht. Einige schlagen sogar vor, die Glasstufen zur Winterszeit mit den in der Stadt gegen das Hochwasser  üblichen  „Passerelle“  zu versehen, um die Rutschgefahr zu minimieren.  Das ewige Dilemma eben zwischen Schönheit und Funktionalität. 


Der Zahn der Zeit und der geflügelte Löwe

von Vincenzo Delle Donne

Der Löwe von San Marco oder einfach der geflügelte Löwe: Er ist das Symbol  schlechthin für die Serenissima.  Er ist aber auch das ungewöhnliche  Abbild  des Evangelisten  Markus, dessen Gebeine pfiffige venezianische Händler 828  heimlich  vom ägyptischen Alexandrien   nach Venedig  schmuggelten - versteckt in einem Korb unter Gemüse und Schweinefleisch.  In der Markuskirche aufbewahrt hält der  Schutzpatron seit nunmehr knapp 12 Jahrhunderten  seine schützende Hand über die  Stadt. Die  christlichen Taten des aus Palästina stammenden  Evangelisten   waren  übrigens  so famos, dass er sowohl von Katholiken als auch von Orthodoxen und Koppten gleichermaßen als Heiliger verehrt wird.  Traditionsgemäß am 25. April gedenken die Gläubigen Venedigs  dieses Heiligen.      

Auf dem Markusplatz thront der geflügelte Löwe   unter anderem über den Säulen von „Marco e Todaro“. Jüngste Studien haben ergeben, dass das Werk (Beutekunst?) aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist, aber es fehlt hier  sein  typisches Schwert.

Die Löwendarstellung vereinigt in sich  gleichermaßen vier Lebewesen: einen Löwen, ein Kalb, einen  Menschen und schließlich einen Adler, so wie es Ezechiel im Alten Testament ausführt.  Diese vier Lebewesen stehen nach der Offenbarung des Johannes um den Thron Gottes.  Markus  wird dem Löwen zugeordnet, er muss aber aber Teile des Adlers in sich haben.   Das erklärt nämlich auch, warum der Löwe Flügel hat. Nach biblischem Glauben wird der  Heilige  Markus  mit einem Löwen assoziiert, weil sein Evangelium mit den Versuchungen Christi in der Wüste beginnt. 

Erst ab 1177 waltet   der geflügelte Löwe auf Standarten  offiziell seiner symbolischen Kraft. Und seitdem tritt er in einer Vielzahl von Abbildungen in Erscheinung: mal mit Gesichtern nach  links, mal nach rechts. Mal liegend, mal springend oder mit aufgestelltem  Schwanz. Und vielfach legt er seine Tatze auf ein Buch, das von einigen als das Evangelium  interpretiert wird.  Andere tendieren hingegen dazu, das Buch als Gesetzesfibel zu interpretieren, die zum Ausdruck bringen soll, dass in dieser Stadt das  Recht und  die Religion innig vereint ist.   Manchmal hält der Löwe   aber auch ein Schwert - als Zeichen des Krieges und hat seine Hintertatzen im Meer, um zu belegen, dass der Reichtum Venedigs auf dem  Meer begründet ist.    Auf den Münzen Dalmatiens und Albaniens prangte übrigens der geflügelte Löwe mit  einem   Olivenzweig, auf dem Peloponnes  hingegen mal mit einem  Kreuz und mal mit einer  Palme. Auf den Standarten erlebte der Löwe  im Zuge der Jahrhunderte eine wahre Renaissance.

Die wohl wichtigste Abbildung des geflügelten Löwen thront im Palazzo Ducale über der Scala dei Giganti. Sie ist seit dem Jahr 1300 das Symbol Venedigs und wird dem Bildhauer Luigi Borro zugeschrieben.  Der ätzende Smog der letzten Jahrzehnte hat der Skulptur  aber  so arg  zugesetzt, dass ein Flügel abzubrechen drohte. Eine  Restaurierung ist also jetzt  unvermeidlich.