57. Biennale von Venedig: Kunst und Leben

von Susanne Delle Donne

Christine Macel wollte wohl in allen erdenklichen Formen  zeigen, dass die zeitgenössische Kunst  lebt und dass sie auch hochleben lassen.  Den roten Faden gibt sie höchstpersönlich vor.  Ihre  Schau der Weltkunst „Viva Arte Viva“, so wie sie zusammengestellt hat, habe  sich eindeutig  am Humanismus inspiriert, bekennt  die französische Kuratorin   der 57. Kunst-Biennale von Venedig freimütig. Humanismus? Nicht im klassischen Sinne natürlich. Und schon gar nicht  einer, der, wie man meinen könnte,   einfach den Menschen in den Mittelpunkt stellt.  Vielmehr  intendiert  Macel  einen „Humanismus“, in dem sich  der Mensch durch die Kunst  von allen Zwängen seiner Welt  entledigt.  „Es ist ein Humanismus, in dem der künstlerische Schaffensprozess gleichzeitig ein Akt des Widerstandes, der Befreiung und der Großzügigkeit ist“, sagt sie.   Schließlich sei gerade heute die Kunst sozusagen die letzte Bastion und Freiheit  des modernen Menschen,  der in der Kunst zum Mahner und Unkenrufer würde. Macels griffige Quintessenz: „Viva Arte Viva ist eine Biennale mit den Künstlern, von den Künstlern und für die Künstler!“ Schöne Formulierung.

Gleichwohl  kommt Macels  Humanismus-Verständnis  ohne eine gewisse Zahlsymbolik nicht aus. Denn sie  hat die Biennale, die irgendwie einem bunt- schrillen Jahrmarkt ähnelt,  in neun Kapitel unterteilt – oder besser  in neun „Kunstfamilien“.  Zwei werden dann im Padiglione Centrale in den  Giardini ausgestellt, die anderen 7 hingegen im Arsenale und in den Giardini delle Vergini.  Daneben gibt es die 86 nationalen Pavillons, die die jeweiligen Länder verantworten.  Insgesamt 120 Künstler aus 51 Ländern nehmen an der diesjährigen Biennale  teil. Von diesen sind 103 zum ersten Mal dabei.  Und überall ereifert man sich Performance-Kunst darzubieten, Musik und Töne inklusive, als müsse man den Kunstgenuss auch sinnlich und hörbar machen.

Folgerichtig  ist  demnach, dass die  deutsche  Künstlerin Anne Imhof   den Goldenen Löwen für ihre „faustische“  Performance zugesprochen wurde:   sechs  Dobermann-Hunde,  an die NS-Diktatur verweisend,   bewachen in einem Zwinger  just   das  frisch  restaurierte Germania-Gebäude auf dem Giardini-Areal.  Nach dem Gebäude-Durchbruch des letzten Jahres auf der Architektur-Biennale, der die Öffnung Deutschlands repräsentieren sollte, wurden jetzt im  Innern Gitter eingezogen, ein zweiter Boden aus Stahl und Glasplatten sowie Nischen an den Wänden angebracht. Die ideale Bühne im Grunde  für die zeitgenössische faustisch-deutsche Interpretation von sechs jungen Künstlern  und gleichzeitig auch ein  Symbol für ein großes, reiches, mächtiges Deutschland, das sich vom Rest der Welt abschottet.   Die Parallelen zur Gegenwart sind verstörend und aktuell.

Als bester Künstler wurde ein weiterer Deutscher ausgezeichnet: Franz Erhard Walther.  Der 78jährige  macht aus Formen, Farben und Stoffe ein Gesamtkunstwerk.    Ein  jünger,   zuweilen in Berlin lebender Künstler wurde von der Jury für sein Talent ausgezeichnet. Der 1986 im Kosovo geborene Künstler Petrit Halilaj, der die Geschichte des Kosovo eindringlich mit seinen Kindheitserinnerungen und Schöpfung verwebt.

Der Goldene Löwe für das Lebenswerk ging indes an die amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann: eine  Pionierin der feministischen   Performance und Body Art.  Schon Anfang der Sechziger Jahre entdeckte sie ihren Körper als wichtigste Ausdrucksform ihrer Kunst und befreite gewissermaßen die Frau vom Klischee des Sexobjektes, indem sie  sich beispielsweise  beim Sex mit ihren Partner filmte.


Janine von Thüngens Skulpturen in Palladios   Malcontenta-Villa

 

von  Vincenzo Delle Donne

 

Janine von Thüngen lebt und arbeitet  seit nunmehr 17 Jahren an der Via Appia  in Rom. Zuvor suchte die deutsche Bildhauerin   in Antwerpen, New York, Moskau und Paris nach ihrem eigenen  Stil in der schrillen und schnelllebigen  Kunstwelt. Doch erst in der Ewigen Stadt kam ihr gewissermaßen die richtige  Eingebung. Hier  entstand nämlich  die  Idee für Bronzeplastiken, die  höchst eigenwillig gewissermaßen Zeit und Raum verbinden und überwinden. Und der Ort der  besonderen Eingebung  hätte nicht mythischer und geschichtsträchtiger sein können: die sagenumwobenen  römischen Katakomben, die durch die Christenverfolgungen zu unrühmlicher Berühmtheit gelangten.  

Von Thüngen  beschloss nämlich,   Abdrücke der  durch Menschenhand über Jahrhunderte und Jahrtausende geformte  Oberflächenstrukturen in unterirdischen Kulturräumen  zu nehmen, und erhielt so Plastiken mit einem doppelten  Gesicht. Dorthin, wo sich Menschen und Verfolgte zurückzogen, um den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen oder einfach um Schutz vor Verfolgung zu  suchen, waren Lebensräume der besonderen Art entstanden.  

Zeit und Raum erhalten so durch die Arbeit von Janine von Thüngen ein neuartiges, modernes  Gesicht. Zeitgleich zur Kunst-Biennale von Venedig  werden ihre  Skulpturen nun in den Gärten von Andrea Palladios prächtiger Renaissance-Villa Foscari-Malcontenta präsentiert und treten in einen besonderen Dialog zur klassischen Licht- und Architektur-Komposition des berühmten Renaissance-Architekten aus Vicenza. Unter dem Titel Eternity I und  II können die mächtigen  Skulpturen, deren Komposition der renommierte Kunsthistoriker Bruno Corà kuratierte,  bis zum 27. Oktober 2017 besichtigt werden.

Aus den Spuren der  Untiefen des Menschen und seiner gestalteten unterirdischen Räume schuf  von Thüngen so übermächtige Bronzeskulpturen, die spiralförmig angeordnet  auch die sattgrünen Gärten  der Palladio-Villa ausfüllen.  “Sie interpretieren  nicht  nur plastisch neu  und ästhetisch originell die ewige Frage  von Vergangenheit und Gegenwart, sondern treten  auch  poetisch in  einen  fruchtbaren  Dialog  mit demjenigen, der die Renaissance-Architektur maßgeblich prägte”, sagt Bruno Corà.




Art Déco: die italienische Kunst des Schönen und Vergänglichen

von Susanne Delle Donne

Art Déco heißt die italienische Folgeströmung des  Jugendstils der Wiener Sezession. Auch er ist ähnlich verspielt, mondän und sinnlich und hat die Kunst der Zwanziger Jahre maßgeblich geprägt. Seine Künstler gaben sich nach der dramatischen Erfahrung des Ersten Weltkrieg dem Schönen und Vergänglichen hin.  Eine sehenswerte Ausstellung in den Musei di San Domenico in Forlì zeigt hauptsächlich  die italienische Seite  dieser Kunstströmung, die nennenswerte Ableger auch in anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Spanien  hatte.

Was modern und schön war, änderte sich mit der Art Déco radikal. Die Linien wurden fließend, serpentinartig und der Natur symbolistisch nachgebildet; überhaupt wurden in der Natur die Gesetzmäßigkeiten des Universums ausgemacht, die in der Kunst zum neuen Stil  erhoben wurden.  Im Gefolge des italienischen  Futurismus kam die Art Déco erst richtig mit der Pariser Weltausstellung im Jahr 1925 auf, die den Arts Décoratifs gewidmet war. In Italien wurde dieser neue Stil zur allbeherrschenden Formsprache erhoben: ob in der bildenden Kunst, der Skulptur oder in der Werbung und in dem  Industriedesign.  Kinosäle, Bahnhöfe, Theater, Ozeandampfer  oder Bürgerhäuser wurden nach seinen Schönheitsideal gebaut.

Aber auch Malerei und Bildhauerei ahmten die neue Kunst nach und trieben sie zur Meisterschaft: angefangen bei den Beleuchtungsanlagen Zecchins und  Veninis bis hin zu den prächtigen Keramiken  von  Gio Ponti  und Guido Andlovitz und den Skulpturen  von  Adolfo Wildt, Arturo Martini und  Libero Andreotti. Nicht unerwähnt bleiben sollten die  extravaganten Möbel- und Stoffkreationen von   Buzzi, Ponti, Portaluppi und  Fortuny. In vielen Werken wird die Frau einerseits als Muse, andererseits als erotisches Rätsel  zelebriert, die aber gleichzeitig ein neues, fast feministisches Selbstverständnis reklamiert. 


Giambattista Tiepolo: Wo alles begann

von Gianluca Delle Donne 


Giovanni Battista Tiepolo  (1696 - 1770) war  ein  famoser  venezianischen Malerfürst  zwischen dem Barock und dem Rokoko,  als die einst so  strahlende Seerepublik  kurz vor dem Untergang stand.   Und  wie kaum ein anderer  liebte er es, theatralisch Heldenepen, Historien, Opernszenen, Götterfesten und auch Altäre darzustellen. Seine unverwechselbare Handschrift: Er bereicherte die Motive mit  einer Vielzahl von Putten  und Amoretten. 

An die  Malkunst wurde   Tiepolo zunächst von  seinem Onkel herangeführt, doch   erst sein Lehrer Gregorio Lazzarini  entzündete seine Passion und brachte ihm die Finessen der Kunst bei, weshalb er  schon bald  seine eigene Malwerkstatt in Venedig eröffnete.  Sein erstes großes Meisterwerk  gelang ihm  jedoch in Udine, wo ihn der Patriarch Daniele Delfin mit der Ausschmückung des Bischofspalastes beauftragte.  Gerade diese Freskenarbeiten machten  ihn  schlagartig über die Grenzen Venedigs und Italiens bekannt - auch in Deutschland.  Damit avancierte  Giovanni Battista Tiepolo zum  bedeutendsten italienischen Maler seiner Zeit.  Die Arbeiten in der Würzburger Residenz gelten dabei als Hauptwerk Tiepolos.   Im Treppenhaus zeigen die Fresken die vier Erdteile. Im Kaisersaal bildet er  die Hochzeit von Friedrich Barbarossa  und  Beatrix von Burgund, sowie die Belehnung des Fürstbischofs  mit den Rechten eines Reichsfürsten ab. Insgesamt bilden die Würzburger Fresken ein sagenhaftes erdumspannendes Staatsgemälde.

Tiepolos Gesamtwerk, der sich  immer auf einem schmalen Grat zwischen Sakralem und Profanem bewegt,    lässt sich in fünf Schaffensphasen unterteilen. Die erste umfasst das Schaffen  in Venedig und Udine.  Es folgten  die erste Reifezeit  in Bergamo, Mailand   und anderen Städten. In der  dritten  Phase, die als    klassischen Blüte  bezeichnet  wird,   schuf er die Werke in Würzburg, am Palazzo Labia in Venedig und der Villa Valmarana ai nani bei Vicenza.     Die letzten zwei Phasen  umfassen hingegen  die Alterswerke  in Venedig und in Madrid, wo er  schließlich  auch starb. 

     

Tiepolo verwendete bis her noch nie dagewesene Farbnuancen, mit denen er überdimensionale Räume plastisch machte. Außergewöhnlich war auch seine Technik der Perspektive, die er mit hellen und chromatischen Tupfer erreichte.

Il Rinascimento in Arezzo 


 

Der Quattrocento und der Cinquecento, das 15. und 16. Jahrhundert waren für die toskanische  Kunst Ausnahmejahrhunderte, in denen einzigartige Meisterwerke geschaffen wurden. Wenn von der italienischen Renaissance und dem “goldenen Quattrocento und Cinquecento” die Rede ist, dann konzentriert sich allerdings das Augenmerk hauptsächlich auf Florenz. Anderen Städten wie das nahe Arezzo wird kunsthistorisch eher eine Statistenrolle zugewiesen. Zu Unrecht. Dem Wirken der Renaissance-Künstler aus Arezzo und Umgebung werden  nun interessante Bücher  gewidmet, die die Rolle von Künstlern wie Beato Angelico, Piero della Francesca, Bartolomeo della Gatta, Luca Signorelli, Donatello, Neri di Bicci, Michele da Firenze, Andrea della Robbia, Sansovino, Filippo Lippi ins rechte Licht rücken.  

 

Zu sehen sind die Werke vielfach in den Kirchen und Kappellen, für die sie einst geschaffen wurden, und zwar neben dem Museo Nazionale di Arezzo, in der Fraternità dei Laici, dem Museo Diocesano, der Chiesa di San Francesco. An der Val di Chiana sind dann die weiteren Ausstellungsorte wie das Museo della Pieve di S. Giuliano und die Pinacoteca Comunale, in Lucignano das Museo Comunale und in Cortona sind dann die Accademia Etrusca und das Museo Diocesano.