57. Kunst-Biennale in Venedig:

Kunst und Künstlern neues Leben einhauchen


von Vincenzo  Delle Donne  

Christine Macel hat Großes vor, um  der 57. Kunst-Biennale von Venedig und der modernen Weltkunst neues Leben einzuhauchen.  Das Motto der weltgrößten Schau für moderne Kunst, die vom 13. Mai bis zum 26. November 2017 in der Lagunenstadt zu sehen sein wird,  lautet “Viva Arte Viva”:  Es lebe die ledendige Kunst. Macel  knüpft damit ideell ausdrücklich an die  Ursprünge klassischer und neoklassischer Kunst. Aus ihrem Mund klingt das so: “Die Kunst von heute zeigt  angesichts der Krisen und Konflikte auf der Erde das Wertvollste an Menschlichem, und das zu einer Zeit, in der alles Menschliche ernsthaft in Gefahr ist.” Aber gerade die Kunst, so Macel,  sei ein idealer Ort des Nachdenkens, des menschlichen Ausdrucks und der Freiheit, die grundlegende Fragen stellen müsse.    Biennale-Präsident   Paolo Baratta setzt voll  auf  das Konzept der Französin. “Sie wird sicherlich die große Rolle der Künstler hervorheben, die sie in unserer heutigen Welt haben”, sagte Baratta bei  Macels offizieller Einführung.   

Nach dem Studium der Kunstgeschichte war Macel Inspektorin für das Kunstschaffen an der “Délégation aux Arts Plastiques”  des französischen Kulturministeriums.  Ab 2000  war sie dann Chef-Kuratorin des  Musée national d’art moderne – Centre Pompidou von Paris,  wo sie die Abteilung “Création contemporaine et prospective”  schuf und leitete.  Sie war zudem Kuratorin des französischen Pavillons  bei der Kunst-Biennale  2013 (Anri Sala) e und des belgischen Pavillons bei der Kunst-Biennale  2007 (Eric Duyckaerts). La 57. Kunst-Biennale von Venedig solle  “eine Zeitreise ins Innere der Unendlichkeit” sein, so Macel, in der Künstler verschiedener Generationen und Herkunft sich zum Dialog träfen, um einen “Neohumanismus” aus der Taufe zu heben.  



Raphaels “Fornarina": rätselhaft schöne Bäckerstochter oder römische Edelhure?

von Gianluca Delle Donne


Das Rätsel um die junge Dame mit dem liebreizenden  Busen, die  Raphael  kurz vor seinem Tod malte und inspirierte, dauert nun beinahe 500 Jahre an. Ihre Identität ist unter Kunsthistorikern umstritten, aber als sicher gilt, dass sie für den Göttlichen Geliebte und zugleich  Muse war.

 

 

Der Busen ist liebreizend und von natürlicher Vollkommenheit. Ein durchsichtiger Schleier verhüllt ihren Bauch. Auf ihrem Kopf trägt sie einen eleganten Turban und auf ihren linken Oberarm verrät ein Armband den Namen Desjenigen, der sie erschuf   und unsterblich machte:  Raphael Urbinas, Raphael aus  Urbino. 

 

Viele Legenden kreisen um die natürlich Schöne, aber eines ist gewiss: Für  ihre dunklen und tiefen Augen verlor Raphael  den Kopf.   Wer war also die junge Frau, die als kleine Bäckerin in die Kunstgeschichte einging und heute mit ihrer verstörenden Schönheit die Säle der Galleria Nazionale di Arte Antica  des Palazzo Barberini erleuchtet?  Raphael malte sie auf einer Tafel um 1518.   

Viele Kritiker sind der Ansicht, dass es sich um Margherita Luti handle, die Tochter des Bäckers Francesco, der in der Via Santa Dorotea 19 im Stadtteil  Trastevere seinen Bäckerladen hatte.  Aus dem Fenster lehnend hatte sie Raphael erblickt und war ihr sodann verfallen.  Eine Begegnung wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eine Inschrift an dem Haus erinnert heute noch daran: „hier lebte diejenige, die Raphael Sanzio innig liebte.“ Auch sie soll dem Meister über den Tod hinaus treu geblieben sein.   Tatsächlich soll sich die Bäckerstochter nach dem Tod des Geliebten ins Kloster von  Sant’ Apollina zurückgezogen haben. Nach Giorgio Vasari jedoch, dem meisterhaften   Künstlerbiografen, soll Raphael vom Anblick seiner Muse fasziniert worden sein, als sie nackt im Tiber badete und er des Weges kam.  Vasari berichtet auch, dass Raphael drohte, die Arbeiten an den Fresken der Loggia von Galatea in der Villa Farnese abzubrechen, wenn nicht umgehend die schöne Bäckerin in sein Atelier gebracht würde.

 

 

Doch der Streit unter Kunsthistorikern ist groß. Andere  vertreten  die Ansicht, dass  es sich bei der bekannten Muse eher um eine Edelhure gehandelt haben soll, die Raphael dabei erblickte, wie sie aus ihrem Fenster lehnend die Kunden zu bezirzen versuchte.  Die junge Frau mit den tiefdunklen Augen war danach  im Metier just unter dem Namen „Fornarina“ eine  stadtbekannte Größe.  Fortan sollten ihre Liebreize in viele Gemälde des Meisters einfließen, die  er vor allem in seinen letzten Jahren malte - von der Velata zum   Trionfo di Galatea bis hin zur  grandiosen Sixtinischen Madonna,   auch wenn die Kritik über diese Lesart nicht einhellig übereinstimmend  ist.  Der Name des Gemäldes „Fornarina“  ist übrigens erst ab dem 18. Jahrhundert  verbürgt. 

 

Bis zu seinem plötzlichen Tod bewahrte Raphael das Gemälde  in seinem Atelier auf.   Die Restaurierung im Jahr 2000  hat ergeben, dass der Meister das Gemälde in zwei Schaffensphasen malte: In einer ersten lehnte er sich an Leonardo an und malte als Hintergrund eine Landschaft; in einer zweiten ersetzte er die weite Landschaft durch einen  Myrtenbusch, der der Venus so heilig war. Darüber hinaus kam der Ring am linken Ringfinger zum Vorschein, den Raphael bei der zweiten Überarbeitung übermalte.  Über den Grund dafür herrscht Rätselraten: Wollte er einen Rückzieher vom Heiratsversprechen machen, weil es sich doch noch um ein leichtes Mädchen handelte?  

 

 

 

 


15. Architektur-Biennale in Venedig:  auf der Suche nach neuen städtebaulichen  Impulsen 

von Susanne  Delle Donne  

Der martialisch anmutende Titel der 15. Architektur-Biennale „REPORTING  FROM THE FRONT“, den der chilenische Kurator und frischgebackene Pritzker-Prize-Träger Alejandro Aravena gewählt hat,   suggeriert, dass die  moderne Architektur  derzeit einen (aussichtslosen?)  Krieg kämpft - im Spannungsfeld von stetiger Urbanisierung oder Verödung  und handfesten  Kapitalinteressen. Das führt dazu, dass der überwiegende Teil der Menschheit vom Segen der modernen Architektur ausgeschlossen ist und nur „vor sich hinhausen“ kann.  In der Tat  versteht  sich diese Ausgabe der Biennale in Venedig unter der Ägide  des etwas behäbig wirkenden   Präsidenten  Paolo Baratta als  ein  Front-Bericht der besonderen Art.  Schon allein die Wahl, den relativ jungen Chilenen als Kurator  der diesjährigen Ausgabe zu bestellen, war für viele Arrivierte der Zunft   eine Provokation. Schließlich hatte Aravena eher durch das sogenannte  partizipative Bauen für die Ärmsten und mit den Ärmsten von sich Reden gemacht. Ein Thema, das in Südamerika hochaktuell ist.   Er  ging  gleichwohl sehr selbstbewusst die Aufgabe an und   ließ sich  auch davon nicht beirren, dass   die  zwei letzten  recht erfolgreichen  Ausgaben von den  Stararchitekten David Chipperfield und Rem Koolhaas    kuratiert  worden waren.   Aravena  will  auf der  sowohl in  den Giardini und im  Arsenale  als auch in den anderen Ausstellungsräumen der Stadt zu sehende Schau neue Sichtweisen auf die Architektur provozieren.   Das deklarierte Ziel des  derzeitigen  Professors  für Elemental-Copec  an der Katholischen Universität von Chile ist es also, in der modernen  Architektur  neuen Sichtweisen   Raum zu geben.  Kein Wunder also, dass er  in der 65 Länder  umfassenden  Architektur-Schau  insbesondere  jungen aufstrebenden Talenten ein neues Forum gibt.   

Das Leitmotiv der Ausstellung Alejandro Aravenas lieferte  übrigens eine deutsche, aus Dresden stammende  Mathematik-Lehrerin, die  als  südamerikanische „Archäologin“ mit der systematischen Untersuchung der Nazca-Linien   berühmt werden sollte. "Während seiner Reise nach Südamerika“,  führt  Alejandro Aravena aus, „traf Bruce Chatwin  eine ältere Dame, die zu Fuß durch  die Wüste ging und dabei   eine Aluminiumleiter auf ihren Schultern  trug. Es war die  deutsche Archäologin  Maria Reiche, die  die Nazca-Linien studierte.“ Wenn man die Steine und alten Relikte  vom Boden betrachtete, versetzte  die unermüdliche Hobby-Archäologin, schienen sie sinnlos und trivial zu sein.   Aber von der Spitze der Leiter  verwandelten sich die  Steine ​​ in Vögel, Jaguare, Bäume oder Blumen. Durch ihre neue Sichtweise nahmen so  riesigen Scharrbilder in der Wüste bei Nazca und Palpa in Peru Gestalt an.  Ein Bild oder besser eine Vorgehensweise, die   Biennale-Präsident  Baratta gerne auf die  moderne Architektur übertragen würde.  Denn die moderne Architektur sei ein  „desolates  Land immenser,  von Menschen bewohnter Gebiete, auf  die die Menschheit  kaum stolz sein kann; sehr enttäuschende Lösungen, die  unzählige verpassten Chancen für das Verständnis und die Wirkung der menschlichen Zivilisation darstellen. Viele  Realitäten seien einfach tragisch und verursachten Gewalt, andere erschienen  trivial, und alle  markierten   gleichwohl das  Verschwinden der  Architektur.  

Über diese so beschaffene  Architektur  präzisiert  Aravena unverblümt: "Sie ist  das  Resultat  von Regeln, Interessen, Wirtschaft und Politik, oder vielleicht auch  des  Mangels an Koordination,  von Gleichgültigkeit, aber auch  Zufälligkeit. Diese  architektonischen Formen jedoch können  das Leben der Menschen verbessern oder zur Hölle machen. Die  Bedingungen wie Mangel an Ressourcen oder  sehr restriktive Beschränkungen sind eine ständige Bedrohung für rationale und am Menschen orientierte Lösungen.“  Aravena benennt in diesem Kontext auch den Negativeinfluss von   „Gier und  die  Hektik der Hauptstadt, Dummheit und Konservatismus des bürokratischen Systems,  die dafür sorgen, dass  banale, mittelmäßige und langweilige  Orte entstehen.“  

Der  spanische Pavillon in den Giardini ist ein Highlight.  Das Produkt ist wirklich bemerkenswert, weil  die Kuratoren Carnicero+Quintans  die Entwürfe von aufstrebenden jungen Architekten  ausgesucht haben,   die durch das Engagement und Kreativität die Grenzen von Materialien und Kontext überwinden.  Kein Wunder also, dass die Biennale-Jury just dem spanischen Pavillon den Goldenen Löwen für das beste nationale Konzept verlieh.  Die im amerikanischen Pavillon ausgestellten Arbeiten entwickeln hingegen die   Konzepte gegen die Verödung der ehemaligen Autometropole Detroit.   Gegen den gespenstischen  Leerstand setzen die Architekturwissenschaftlerinnen Mónica Ponce de  Léon und Cynthia Davidson  die belebende  Idee, marode Stadtstruktur als Hebel für neue Stadtentwicklungen anzusehen.  Die Ausstellung ist zwar gut gemacht,  aber die Konzepte entwickeln keine neuen Gedanken, sondern fußen auf alten Ideen. 

Neue,  aktuelle Akzente setzt auch der  deutsche Pavillon, das unter dem Titel „Making Heimat, Germany, Arrival Country“ stand und von den Kuratoren  Peter Cachola Schmal und Oliver Elser verantwortet wird. Bei den vorgestellten Projekten geht es um die Unterbringung von Flüchtlingen. Großformatige Fotos von neun ausgewählten Projekten zeigen, wie die Unterbringung schnell und human gewährleistet werden kann.  Die Kuratoren wollen dies als Diskussionsbeitrag verstehen.   Doch statt neue Fragen zu formulieren, wie beispielsweise die Integration der Flüchtlinge architektonisch flankierend begleitet werden kann, beschränkt man sich auf eine nüchterne Bestandsaufnahme.  Gleichwohl ist  die Idee gelungen, durch die vier Öffnungen im Pavillon zu demonstrieren, dass Deutschland ein offenes Land sei. 

Der Goldene Löwe für den besten Teilnehmer ging  übrigens an Gabinete de Arquitectura (Solano Benítez; Gloria Cabral; Solanito Benítez - Paraguay) für die Umsetzung von   Materialien, struktureller Einfachheit und ungelernter Arbeitskräfte, damit die  „neue Architektur“ auch jene Schichten erreicht, die bislang davon ausgeschlossen waren.  In den vielen Favelas Südamerikas beispielsweise, aber auch in Venedigs Industrievorort am Festland  Mestre  ist diese Thematik aktueller denn je.  „Der soziale Nutzen der Architektur“, fordert  Aravena, „muss wieder  stärker  ins Gewicht   als die Interessen des Kapitals fallen.“  Vor Journalisten wurde Aravena für diese Aussage mit tosendem  Beifall bedacht.  Doch mit dieser utopischen Sicht der Architektur  dürfte er sich  weiterhin als  Don Quijote  der Architektur darstellen.

Juwelen einer privaten  Kunstsammlung   


von Gianluca  Delle Donne 


Vittorio Cini war ein umtriebiger  Tausendsassa und eine  schillernde Jahrhundertfigur obendrein. Er war  Faschist, Industrieller und Kunstmäzen und stammte eigentlich aus Ferrara.  Cini  war   auch  ein leidenschaftlicher  Venedig-Liebhaber, und zwar so sehr,  dass er die Lagunenstadt  zu   seiner Wahlheimat auserkor. Im Dorsoduro kaufte er  sich einen repräsentativen  Palazzo und  lebte zeitlebens  hier - bis zu seinem späten Tod.  Cini gelang  auch das Kunststück,  vom italienischen Staat eine gesamte Insel gewährt zu bekommen: die San Giorgio-Insel mit  ihren diversen kunsthistorischen Schätzen, die er dann  gleichsam in Eigenregie restaurieren ließ.  Auf der Insel hat jetzt die renommierte Fondazione Cini, die den künstlerischen Nachlass des im Faschismus  geadelten Unternehmers,  ihren Sitz.  

Cinis Palazzo nahe des  Guggenheim Museums ist  hingegen seit geraumer Zeit ein kleines, aber feines  Museum und ein  künstlerischer Insidertip der besonderen Art. Jetzt sind im zweiten Stock  unter dem Titel „Capolavori ritrovati“  außergewöhnliche Meisterwerke aus Cinis Privatsammlung  zu sehen, die sagenhafte Meister  des 14. bis zum 18. Jahrhunderts  wie Crivelli, Tizian, Lotto, Guardi, Canaletto und  Tiepolo umfasst.     

Die Malerei des 14. Jahrhunderts beispielsweise  ist durch die großen malerischen Wegbereiter  Guglielmo Veneziano,  Nicolò di Pietro oder   Michele Giambono  vertreten, die die spätgotische Malerei in Venedig zur Hochblüte trieben.   Die Renaissance-Malerei ist indes  durch die außergewöhnliche  Madonna  Speyer repräsentiert:   ein Werk wie ein künstlerisches Vermächtnis des Malers Montagna, dessen Einfluss durch Mantegna, Bellini  und Antonello da Messina  unverkennbar ist. 

Bemerkenswert ist auch das rätselhafte  Gemälde San Giorgio che uccide il drago, das  erst kürzlich definitiv   Tizian zugeschrieben wurde.  In Cinis Privatsammlung durften natürlich die großen Vertreter der venezianischen Malerschulen wie Canaletto, Antonio und Francesco Guardi sowie   Tiepolo  nicht fehlen.  

Die zwei  Capricci aus  Canalettos Frühwerk sind  in der Sammlung gleichsam das Pendant  zu den vier erhabenen  Capricci von  Francesco Guardi und den  zwei kleinen Zeichnungen für das Tafelbild von  Giambattista Tiepolo. Von  Antonio Guardi    stammen hingegen drei Zeichenbücher, die auf 58 Blättern wichtige Etappen der Geschichte Venedigs illustrieren.



 

Christine Macel: Das feminine Gesicht moderner Weltkunst und die Kuratorin der 57. Kunstbiennale in Venedig 

von Susanne Delle Donne


 

Paolo Baratta, der  neue  und alte Biennale-Präsident, will wahrhaft neue Akzente setzen.  Nach Okwui Enzewor, der die jüngst zu Ende   gegangene Kunstbiennale  über die Brüche und Teilungen der Welt sinnieren ließ, ernannte er   nun Christine Macel  zur Kuratorin der nächsten,  57. Kunstbiennale von Venedig. Die ehrgeizige Französin wird die   famose Schau moderner Kunst verantworten, die  vom 13. Mai  bis zum 26. November 2017 in den Giardini, im Arsenale und in  ausgewählten Galerien  der Stadt  stattfindet. Der letzte Franzose, dem diese Ehre vergönnt war, war    Jean Clair vor 22 Jahren.
Christine Macel ist in Sachen moderner Kunst kein gänzlich unbeschriebenes Blatt und auf der Kunstbiennale ohnehin eine feste Größe. Seit dem  Jahr 2000 ist sie Chefkuratorin des Musée national d’art moderne – Centre Pompidou von Paris. Zuvor arbeitete sie  beim französischen Kulturministerium als Konservatorin in der  “Délégation aux Arts Plastiques”.  „Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Abteilung  ‘Création contemporaine et prospective’ des  Centre Pompidou von Paris hat  sie  seit geraumer Zeit    einen Beobachtungspunkt inne, der ein reiches Potential offenbart, wenn es darum geht, die neuen Energien in den verschiedenen Teilen der Welt auszumachen“, betonte Baratta die überraschende  Wahl  Males. 
Am  Beaubourg erregte Christine Macel Aufsehen  mit eindrucksvollen Einzelausstellungen etwa  über Raymond Hains, Sophie Calle, Philippe Parreno sowie Gabriel Orozco. Sie verantwortete  aber auch  auf der  Kunstbiennale  von Venedig  2007 den belgischen und  2013 den französischen Pavillon.
Im Katalog über die in Palermo stattfindende Ausstellung „Nel Mezzo del Mezzo“, die sie gemeinsam mit Marco Bazzini und  Bartomeu Marí  kuratierte,  schrieb Macel: „Unser heutiges Problem ist die Neudefinition einer gemeinsamen, materiellen und spirituellen Kultur, eines `mediterranen Bewusstseins´ angesichts des Fehlens einer politischen, wirtschaftlichen und religiösen Einheit.“

 


Kitsch oder Kunst in Florenz? Hitzige Debatte um  den  „König und Königin der Unterwelt“ 

von Gianluca Delle Donne


„Pluto e Proserpina“ heißt das famose Kunstwerk von Jeff Koons, das golden leuchtend   in Florenz die Gemüter erhitzt.  Stand es doch für einige Monate gleich neben Michelangelos David auf der Piazza della Signoria, gewissermaßen auf Augenhöhe mit dem unerreichten  Renaissance-Meister.   Schon das war für  viele waschechte Florentiner ein unsäglicher Affront. Von der ironisierenden Wirkung von Kitsch und Kunst, auf die Koons abziele, hielten sie wenig.  Einige witzelten  gar, Koons habe die Mächtigen in der Wiege der Renaissance mit der Aussicht auf  weltweite mediale Aufmerksamkeit  überlistet und getäuscht, denn das   Kunstwerk  sei nichts Anderes als  das überdimensionale  Produkt eines 3D-Druckers.  Andere erkannten darin, dass der US-amerikanische Künstler  sich damit nur  die nötige Publicity verschaffen  wollte. Schließlich sei die „Orangerie der Stadt“  über Jahrhunderte hinweg nur florentinischen Künstlergenies vorbehalten gewesen. Künstlern mit Koons’ gleichen Ansinnen wie beispielsweise Henry Moore erteilte man in den Siebzigern eine erboste Absage.   

Der Stadtvater von Florenz, Dario Nardella, jedenfalls  mochte darin nichts Verwerfliches sehen und gestattete Koons  die Aufstellung seines Kunstwerks - wenn auch auf Zeit,  beschränkt eben auf wenige Monate.    

Schon daran kann man ablesen, dass   Koons  äußerst gewieft  ist - in Sachen Kunst und vor allem Kommerz.  Schließlich ist er seit spätestens  2013 mit seinem für 58,4 Millionen Dollar versteigerten  Balloon Dogs (Orange)   zweifelsohne der teuerste lebende Künstler der Welt.  Und um seiner Karriere auf die Sprünge zu helfen, meinen Kritiker,  habe er nicht einmal davor zurückgeschreckt, den berühmten  Pornostar „Cicciolina“ (Pummelchen), die sogar im  italienischen  Parlament saß,  abzubilden und später  gar zu ehelichen.   Die Liaison ging  bekanntlich schon  früh in die Brüche und artete  dann zu einem unappetitlichen Rosenkrieg aus, als es um das Sorgerecht des aus der Ehe hervorgegangen Sprosses Ludwig ging. 

Jetzt steht  in Florenz die Frage an, wohin mit Koons  Kunstwerk.  Der Künstler hat schon angedeutet, es für eine weitere unbestimmte Zeit der Stadt Florenz zu überlassen, wenn sich ein angemessener Ausstellungsort dafür fände.  Die Suche gestaltet sich aber schwierig.    Eines ist gewiss: Von der Piazza della Signoria soll das Kunstwerk  spätestens Ende Januar verschwinden.  Proserpina ist übrigens eine römische Göttin, die  u.a. dafür sorgen soll, dass der Weizen wächst.  Der Weizen ist in der italienischen Umgangssprache ein Synonym für Geld.  Pluto, der König der Unterwelt,  raubte sie und machte sie zu seiner geliebten  Königin.  


Glanz und Untergang in Pompeji


von Gianluca Delle Donne


Sie erstrahlen nun   wieder  in altem  Glanz:    die sagenhaften römischen Villen, die vom Reichtum einer untergegangenen Stadt zeugen und  mehr als 18 Jahrhunderte  lang  unter Lava  unfreiwillig für die Nachwelt konserviert wurden. 6 von über 1500 noch zu restaurierenden Häusern, die man vor dem Einsturz bewahren muss.  Es handelt sich um   die Fullonica von  Stephanus, die Häuser des  Criptoporticus,  Paquius Proculus, von  Sacerdos Amandus, von  Fabius Amandius und  das Haus des  Ephebes.

Die Villa  Fullonica von Stefanus ist das Paradebeispiel einer außergewöhnlichen  Bottega  von vor 2000 Jahren. Die Familie   Fullones waren sehr mächtig und gehörte zu den wichtigsten politischen Strippenziehern in Pompeji. Das dokumentiert  auch das reiche   Interieur ihres Ladens und des Hauses.  Gleich nebenan liegt die Domus des  «Criptoportico», die ihren Namen vom etwas versteckten Portico unter ihrem Garten erhalten hat.  Im Mittelpunkt der  Freskenverzierungen, die man im  gemäßigten Bad „Tiepidarum“ entdeckt hat,  steht eine purpurrote Tänzerin,  die  anmutig tanzend einen Stock schwingt.

Im Haus des Sacerdos Amandus entdeckte man bei den Ausgrabungen neun menschliche Skelette von Männern, Frauen und Kindern, die bei der Flucht vom niederstürzenden Haus begraben wurden.  Es fasziniert, wie reich diese „Domi“  mit mythologischen Motiven ausgeschmückt waren. Da sind zum Beispiel die Abbildungen von Perseus, Andromeda, Herkules im Garten der Esperidi und die Flüge von Daedalus und Ikarus.  Das Besondere an dieser opulenten Villa ist auch, dass sie  gleich  drei Eingänge hatte. Hier wurde auch die Bronzestatue des Ephebes gefunden, die jetzt im archäologischen Nationalmuseum in Neapel ausgestellt ist. Sie war die Kopie eines griechischen Originals aus der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus, die einen Knaben abbildete, der die Pubertät hinter sich gebracht und gleichsam die Bürgerrechte erlangt  hatte. Der Besitzer des Hauses funktionierte sie übrigens zu einem Lampenständer für den Garten um, in dem er üppige Gelage feierte.

       

Der Archäologe Andrea Carandini  gehört indes heute  zu den Unkenrufern, die  die jüngste Einweihung als Augenwischerei ansehen und vor dem drohenden  Untergang des ausgegrabenen Pompeji warnen.  Schließlich wüste man noch immer nicht, welche Häuser tatsächlich einsturzgefährdet seien.


Wo gewissermaßen alles begann

Giambattista Tiepolo: der Meister der perfekten, erhabenen und mythologischen Malerei.




Giambattista Tiepolo war der venezianischen Malerfürst des achtzehnten Jahrhunderts. Patriarchen, Fürsten und Könige scheuten weder Kosten noch Mühen, um ihn zu engagieren. Wie kaum ein Anderer seiner Zunft beherrschte Tiepolo die Kunst der mytholoischen und theatralischen Abbildungen. Er wurde in Venedig im Jahre 1696 in einer Familie von "Kaufleuten des Meeres" geboren und lernte das Rüstzeug der Malerei in der Werkstatt von Gregorio Lazzarini, der zu den bekannten Barockmalern Venedigs gehörte. Tiepolos Ruhm ging weit über die Grenzen der Republik Venedig und Italien hinaus und erreichte Österreich, Deutschland und schließlich auch Spanien, wo er im Jahre 1770 starb. Eine einzigartige Ausstellung in der Villa Manin von Passariano (Udine) zeichnet nun eindrucksvoll seinen künstlerischen Werdegang nach. Zu sehen ist die einmalige Schau in der prächtigen Villa Manin di Passariano nahe Udine, die der Sitz des letzten Dogen von Venedig war. Kuratoren der Ausstellung sind die Kunsthistoriker Giuseppe Bergamini, Alberto Craievich und Philip Pedrocco, die über ein Jahr an deren Organisation gearbeitet haben.
Die Ausstellung zeichnet mit 60 Leinwänden und den mehr als 82 Zeichnungen das lange und fruchtbare Schaffen von Giambattista Tiepolo nach, der malerisch stets zwischen dem Heiligen und dem Profanen wandelte. Mit seinen Fresken und überdimensionalen Gemälden verlieh er seinen mächtigen Auftraggebern Pracht und Glanz.
Schnell wird auf der Schau klar, wer Tiepolos Vorbilder in der Malerei waren. Es war hauptsächlich der venezianische Manierist Paolo Veronese, aber auch Giovanni Battista Piazzetta und Sebastiano Ricci. Seine künstlerische Reife erreichte Tiepolo in Udine 1726 in Udine, wo er vom Patriarchen von Aquileia Dionisio Dolfin gerufen wurde. Hier malte er, was er gelernt hatte: Er mischte Farben mit großer Leichtigkeit und malte Fresken von beispielloser Schönheit im Dom von Udine, im Castello und im Palast des Patriarchen, in dem heute das Museo Diocesano untergebracht ist. Die Fresken stellen Szenen aus dem Alten Testament dar. Tiepolos Meisterstück aus dieser Zeit ist sicherlich das Fresko "Rachele nasconde gli idoli". Für die Figur der Rachel stand ihm seine Frau Modell. Mit großem Selbstbewusstsein demonstriert Tiepolo in diesem Fresko wie perfekt, er die bildnerischen Mittel umsetzen konnte. Der junge Maler selbst steht hinter Rachels Vater Laban und schaut den Betrachter herausfordernd an.

In den folgenden Jahren nahm es Tiepolo nicht nur mit Übervätern der venezianischen Malerei wie Tizian und Tintoretto auf, sondern auch mit dem flämischen Barockmeister Rembrandt, von dem er insbesondere von seiner Kupferstichtechnik beeindruckt war. Wahrhaft meisterlich ist auch, wie Tiepolo nie zuvor gesehene Farben mischt, die von enormer Tiefe und Facettenreichtum sind. Außergewöhnlich war auch seine Technik der Perspektive, die er gekonnt durch den Einsatz von Licht und Farbe schuf. Ein Beispiel dafür ist sein Gemälde "San Giacomo maggiore sottomette un moro" aus dem Nationalmuseum in Budapest, in dem die Figuren voller Bewegung sind und alles überstrahlen. Unübertroffen ist hier auch die Theatralik der Komposition, die an Paolo Veronese erinnert.
Von außergewöhnlicher Schönheit ist auch das große Altarbild des Doms von Este "Santa Tecla libera Este dalla peste", das mit seiner überdimensionalen Größe von 4 x 7 Metern im Salon der Villa Manin seine ganze Pracht ausstrahlt. Tiepolo vollendete das Meisterwerk im Jahr 1658, als seine Kunst eine vielbeneidete Meisterschaft erreichte. Zu sehen ist hier auch die Studie zu diesem Meisterwerk, die normalerweise im Metropolitan Museum in New York hängt.
1761 rief Karl III. von Spanien Tiepolo an seinen Hof. Er bemalte das soeben erbaute Königsschloss mit Fresken und vollendete sie schließlich 1766. In den folgenden Jahren malte Tiepolo sieben weitere Tafelbilder für die königliche Kirche von Aranjuez. Nach seinem Tod trat sein Sohn Giandomenico in seine Fußstapfen.
Die Ausstellung ist bis zum 7. April 2013 geöffnet.
Um den Schaffensweg Tiepolo abzurunden, empfiehlt sich darüber hinaus einen Besuch im Dom, im Schloss und im Diözesanmuseum von Udine. Im Museo Sartorio von Triest hingegen wird eine der bemerkenswertesten Sammlungen von Zeichnungen von Giambattista Tiepolo aufbewahrt.