Mit Prosecco und Trüffeln dem Abgrund entgegen 


von Vincenzo  Delle Donne



Edel soll die Welt zugrunde gehen! Dieses Motto beherzigen  nach Ansicht deutscher und mitteleuropäischer  Wirtschaftskapitäne und Finanzjongleure die Italiener gegenwärtig genussvoll-masochistisch. Und  die bienenfleißigen Deutschen müssen wohl am Ende für die italienischen Lebenskünstler, die offenbar  unbeirrt mit Prosecco und Trüffel  dem dolce far niente  frönen, die Zeche zahlen? Abwegig ist diese klischeehafte Vorstellung nicht, wenn das fragile Euro-Gebilde  nicht katastrophal scheitern soll.   Denn das Schreckgespenst „Spread“ geht auf dem Apennin um: das Verhältnis zwischen den Zinsen, die der italienische Staat und Deutschland jeweils für den Verkauf der zehnjährigen  Staatsanleihen zahlen müssen. Während nämlich Deutschland paradoxerweise mit der Herausgabe der  staatlichen Schuldscheine  Gewinne macht, muss der italienische Staat  gegenwärtig pro Jahr über 3% Zinsen zahlen, was hierzulande  die immens hohe  Staatsverschuldung noch mehr in die Höhe treibt.  Die Katastrophe scheint  also so fast unausweichlich.  

Mit der Spread-Keule  versuchen derweil sowohl die EU-Kommissare  als auch  die heimische Opposition,  die chaotische Regierung aus Links- und Rechtspopulisten in die Enge zu treiben.  Ein Paradigmenwechsel täte indes not, was die Wirtschaftspolitik in der Euro-Zone angeht.  Auch unter Wirtschaftsprofessoren gilt es    als  ausgewiesener Unsinn, dass  ein Land durch rigides Sparen seinen riesigen Schuldenberg  abbauen kann.  Das kann, wenn überhaupt,  nur durch wirtschaftliches Wachstum erfolgen. Diesen Weg schlägt  nun die neue Regierung ein, indem sie allerdings neue Schulden macht. Durch die Einführung des Grundeinkommens beispielsweise soll hauptsächlich die Binnennachfrage gestärkt werden.  Eigentlich eine vernünftige Entscheidung. Denn in Italien gibt es weder eine Sozialhilfe noch ein Arbeitslosengeld für alle.  Die geplanten Sozialleistungen in Verbindung mit   Qualifizierungsmaßnahmen oder Arbeiten für die öffentliche Hand zu verbinden, böte sich daher  an.   

 




Die diversen  düsteren Untergangsszenarien sind schon  deshalb  Makulatur, weil über zwei Drittel der italienischen Staatsanleihen Italiener  selbst halten und die privaten  Spareinlagen Rekordwerte erreichen.  Schon deshalb kann Italien nicht mit Griechenland verglichen werden. Übrigens musste   für die Rettung Griechenlands im Rahmen des europäischen Rettungsschirmes  nicht nur Deutschland, sondern auch Italien mit rund   50 Milliarden Euro gerade stehen.  Dabei ächzt  das Land selbst  schon seit nunmehr sieben Jahren  unter den Folgen der letzten Finanzkrise. 

Die Euro-Zone bräuchte definitiv ein viel größeren gemeinsamen Euro-Haushalt, um die wirtschaftlichen Unterschiede Unterschiede auszugleichen und wirklich zu einheitlichen Lebensverhältnissen zu gelangen. Nötig wäre nach Ansicht von Wirtschaftsexperten dafür ein Volumen von fünf bis 10 Prozent von Bruttosozialproduktes der gesamten Euro-Zone. Dann könnte man damit zum Beispiel eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung finanzieren, die sich stabilisierend auswirkte. Denn  allein die Jugendarbeitslosigkeit erreicht hierzulande im industrialisierten Norden mehr als 35%, im unterentwickelten Süden gar über 50%. 

Italienische Unternehmen verbuchen unterdessen    Rekordexportzahlen beispielsweise in der Lebensmittelherstellung oder in  der Autozuliefererbranche – trotzt der  Wettbewerbsnachteile auch   aufgrund der höheren    Zinsen, die auf dem Finanzmarkt gezahlt werden müssen. Italiens Wirtschaftsdilemma besteht darin, dass die Industrie im Norden in Sachen Wachstum der deutschen Konkurrenz   die Stirn  bietet. Der  Mezzogiorno hingegen hinkt   hoffnungslos hinterher.  Die Deutschen  und die EU-Kommission sollten   also  ihre Vorbehalte gegenüber den Haushaltsplänen der neuen italienischen Regierung aufgeben.